Plastik im Meer

Eine Plastikflasche am Strand lässt sich noch aufsammeln. Bei winzigen Kunststoffpartikeln mitten im Meer wird es deutlich schwieriger. Genau darin liegt eines der größten Probleme von Plastik im Meer: Kunststoff verschwindet nicht einfach, sondern wird verteilt, sinkt ab oder zerfällt mit der Zeit in immer kleinere Teile. Plastik komplett aus unserem Alltag zu verbannen ist weder realistisch noch immer sinnvoll. Entscheidend ist vielmehr, unnötige Einwegprodukte und Kunststoffverluste zu vermeiden, möglichst bevor sie überhaupt in Flüsse, Seen und Meere gelangen.


Wie viel Plastik ist im Meer?

Eine exakte Zahl gibt es nicht. Die Meere sind riesig, Kunststoff befindet sich an Stränden, an der Wasseroberfläche, in der Wassersäule und auf dem Meeresboden. Ein großer Teil lässt sich deshalb nicht einfach zählen oder wiegen.

Schätzungen verschiedener Forschungsgruppen unterscheiden sich entsprechend. Klar ist aber: Jedes Jahr gelangen weltweit Millionen Tonnen Kunststoff in aquatische Systeme.

Die OECD schätzte für das Jahr 2019 rund 6,1 Millionen Tonnen Kunststoff, die in Flüsse, Seen und Meere gelangten. Dabei ist ein wichtiger Punkt leicht zu übersehen: Ein großer Teil des Plastiks erreicht nicht sofort den offenen Ozean, sondern kann zunächst lange in Flüssen und Seen verbleiben.

Nach der gleichen Modellierung hatten sich bis 2019 bereits rund 109 Millionen Tonnen Kunststoff in Flusssystemen und etwa 30 Millionen Tonnen im Meer angesammelt.

Plastik im Meer ist deshalb nicht nur ein Problem dessen, was heute hineingelangt. Wir haben es auch mit einem Bestand zu tun, der sich über Jahrzehnte aufgebaut hat.

Unterwasseraufnahme einer Plastiktüte, einer Dose und weiterer Plastikteile, die im blaugrünen Meerwasser treiben
Plastikmüll im Meer gefährdet Meerestiere und ganze Ökosysteme.

Wie gelangt Plastik überhaupt ins Meer?

Bei Plastik im Meer denken viele zuerst an jemanden, der eine Flasche direkt am Strand liegen lässt. Das passiert natürlich, ist aber nur ein Teil des Problems.

Kunststoffe können über ganz unterschiedliche Wege in Gewässer gelangen:

  • achtlos weggeworfenen Müll
  • schlecht gesicherte oder nicht richtig entsorgte Abfälle
  • Flüsse und Regenwasser
  • Abwasser
  • Verluste aus Industrie und Transport
  • Schifffahrt und Fischerei
  • verlorene Netze und Leinen
  • Reifenabrieb
  • Kunststofffasern aus synthetischen Textilien

Deshalb ist die oft wiederholte Aussage, ein bestimmter Prozentsatz des gesamten Plastikmülls gelange „über Flüsse“ ins Meer, zu einfach. Flüsse sind wichtige Transportwege, aber nicht die einzige Quelle.

Besonders interessant ist auch der Unterschied zwischen Makro- und Mikroplastik: Während schlecht entsorgter Abfall vor allem für große Kunststoffteile eine wichtige Rolle spielt, haben wohlhabende Industrieländer durch Verkehr, Reifenabrieb und andere Quellen einen vergleichsweise großen Anteil an Mikroplastikeinträgen.


Wie lange bleibt Plastik im Meer?

Vielleicht hast du schon Tabellen gesehen, nach denen eine Plastiktüte 20 Jahre und eine Kunststoffflasche 450 Jahre braucht, bis sie verschwunden ist.

Solche Zahlen können eine grobe Vorstellung vermitteln, sollten aber nicht wie exakte Haltbarkeitsdaten gelesen werden.

Wie lange ein Kunststoff in der Umwelt bestehen bleibt, hängt unter anderem ab von:

  • der Kunststoffart
  • Materialstärke und Form
  • UV-Strahlung
  • Temperatur
  • Sauerstoff
  • Wellen und mechanischer Belastung
  • der Frage, ob das Material schwimmt oder auf den Meeresboden sinkt

Entscheidend ist außerdem: Kunststoff „verrottet“ nicht wie ein Stück Holz oder eine Bananenschale. Viele Kunststoffe werden zunächst spröde und zerfallen durch Sonne, Wellen und mechanische Belastung in immer kleinere Fragmente.

Das sichtbare Plastikstück kann also verschwinden, während das Kunststoffmaterial weiterhin in der Umwelt vorhanden ist.


Was ist Mikroplastik?

Als Mikroplastik werden üblicherweise feste Kunststoffpartikel bezeichnet, die kleiner als fünf Millimeter sind.

Dabei können die Teilchen auf unterschiedliche Weise entstehen.

Mikroplastik, das bereits klein in die Umwelt gelangt

Dazu gehören beispielsweise Kunststoffgranulate oder kleine Partikel, die bei der Nutzung von Produkten entstehen. Auch Reifenabrieb und Kunststofffasern aus Textilien spielen eine Rolle.

Mikroplastik aus größeren Kunststoffteilen

Flaschen, Folien, Verpackungen, Netze oder andere größere Kunststoffteile können mit der Zeit durch Sonne, Wellen und Reibung immer weiter fragmentieren.

Genau das macht Plastikverschmutzung so schwer rückgängig zu machen: Eine Flasche lässt sich aufsammeln. Bei Millionen winziger Partikel wird das praktisch kaum noch möglich.

Mehr über Kunststoffe insgesamt, ihre verschiedenen Arten und unseren alltäglichen Verbrauch findest du in unserem Beitrag Plastik: praktisch, aber problematisch.


Woher kommt Mikroplastik in unserem Alltag?

Das Thema wird schnell abstrakt. Dabei entstehen manche Kunststoffpartikel bei ganz alltäglichen Tätigkeiten.

Reifenabrieb

Autoreifen verlieren während der Fahrt Material. Ein Teil dieses Abriebs bleibt zunächst auf Straßen und Böden, kann aber mit Regenwasser weitertransportiert und schließlich in Gewässer eingetragen werden.

Synthetische Kleidung

Textilien aus Polyester, Polyamid oder anderen Kunstfasern können bei Nutzung und Waschen winzige Fasern verlieren. Kläranlagen halten einen großen Teil davon zurück, aber nicht sämtliche Partikel.

Zerfall größerer Kunststoffteile

Auch ein alter Kunststoffdeckel am Flussufer kann irgendwann Teil des Mikroplastikproblems werden, wenn er jahrelang Sonne und Witterung ausgesetzt ist.

Das zeigt: Plastikverschmutzung beginnt nicht erst dort, wo jemand sichtbar Müll ins Meer wirft.


Was Plastik mit Meerestieren macht

Plastikmüll kann Tiere auf unterschiedliche Weise schädigen.

  • Tiere können Kunststoff mit Nahrung verwechseln und verschlucken.
  • Sie können sich in Schnüren, Verpackungen oder Netzen verfangen.
  • Kunststoffteile können Verletzungen oder Blockaden verursachen.
  • Lebensräume können durch Müll beeinträchtigt werden.

Betroffen sind nicht nur die bekannten Meeresschildkröten. Kunststoff wurde bei zahlreichen Gruppen nachgewiesen, von Fischen und Muscheln über Seevögel bis zu Meeressäugern.

Kunststoffe machen laut UNEP mindestens 85 Prozent des Meeresmülls aus, und UNEP dokumentiert negative Wechselwirkungen zwischen Meeresmüll und Hunderten Meeres- und Küstenarten.

Auf eine vermeintlich genaue Zahl von „Millionen Tieren, die jedes Jahr an Plastik sterben“, verzichten wir bewusst. Eine vollständige globale Erfassung gibt es nicht. Die dokumentierten Verletzungen, Verhedderungen und Todesfälle zeigen das Problem bereits deutlich genug.


Geisternetze: Plastik aus der Fischerei

Ein besonders problematischer Teil des Meeresmülls stammt aus verlorenen oder aufgegebenen Fanggeräten.

Solche sogenannten Geisternetze, Leinen und Reusen können noch lange im Meer treiben und weiterhin Tiere fangen, obwohl sie längst nicht mehr aktiv genutzt werden.

Fische, Schildkröten, Vögel, Robben und andere Meerestiere können sich darin verheddern. Gleichzeitig bestehen moderne Fischernetze häufig aus Kunststoffen und können mit der Zeit selbst zu kleineren Kunststofffragmenten zerfallen.

Wie bedeutend Fanggeräte regional sein können, zeigt ausgerechnet der bekannteste Müllstrudel der Welt.


Was ist der Great Pacific Garbage Patch?

Zwischen Kalifornien und Hawaii liegt ein Gebiet des Nordpazifiks, in dem Meeresströmungen besonders viele schwimmende Kunststoffteile konzentrieren. Es ist als Great Pacific Garbage Patch bekannt.

Eine große wissenschaftliche Untersuchung aus dem Jahr 2018 schätzte seine Ausdehnung auf etwa 1,6 Millionen Quadratkilometer. Innerhalb dieses modellierten Gebietes wurden rund 79.000 Tonnen schwimmender Kunststoff vermutet. Das ist der Stand dieser Untersuchung, keine Zahl von heute.

Die Grenze ist allerdings nicht fest. Wind und Strömungen verändern ständig, wo und in welcher Konzentration Müll vorkommt.

Ist der Müllstrudel eine schwimmende Insel?

Nein. Der Begriff „Müllteppich“ beziehungsweise „Garbage Patch“ erzeugt ein falsches Bild.

Es gibt dort keine geschlossene Kunststoffinsel, auf der man stehen könnte. Die Abfälle sind über eine riesige Fläche verteilt und reichen von großen Netzen und Kunststoffteilen bis zu winzigen Partikeln.

Man kann sogar durch Teile dieses Gebietes fahren, ohne an der Wasseroberfläche besonders viel Müll zu sehen.

Mikroplastik oder große Kunststoffteile?

Hier wird es besonders interessant.

Die Untersuchung von 2018 schätzte rund 1,8 Billionen Kunststoffteile im Gebiet. Mikroplastik machte davon etwa 94 Prozent der Anzahl aus.

Nach Gewicht sah das Bild jedoch völlig anders aus: Mikroplastik stellte nur ungefähr 8 Prozent der geschätzten Kunststoffmasse dar. Mehr als drei Viertel der Masse entfielen auf Teile größer als fünf Zentimeter.

Mindestens 46 Prozent der geschätzten Kunststoffmasse bestanden aus Fischernetzen.

Das zeigt gut, warum Plastikstatistiken manchmal scheinbar widersprüchlich klingen: Es macht einen großen Unterschied, ob wir Teilchen zählen oder ihr Gewicht betrachten.


Gibt es noch weitere Müllstrudel?

Ja. Der Great Pacific Garbage Patch ist lediglich der bekannteste.

Auf der Erde gibt es fünf große subtropische Meereswirbel:

  • Nordpazifik
  • Südpazifik
  • Nordatlantik
  • Südatlantik
  • Indischer Ozean

In diesen großen Strömungssystemen können sich schwimmende Abfälle konzentrieren. Das bedeutet aber nicht, dass der größte Teil des gesamten Meeresmülls ausschließlich dort liegt.

Plastik findet sich ebenso an Küsten, auf dem Meeresboden, in Flussmündungen, im Eis und in weit entfernten Meeresgebieten.


Mikroplastik und unsere Gesundheit

Mikroplastik wurde nicht nur im Meer, sondern auch in Lebensmitteln nachgewiesen, und gerade beim Verzehr von Fisch und Meeresfrüchten gibt es noch Wissenslücken. Welche langfristigen Folgen Kunststoffpartikel für die Gesundheit von Menschen haben, wird weiterhin erforscht. Gut belegt ist dagegen das Umweltproblem im Meer selbst.


Plastik ist auch ein Klimathema

Das Plastikproblem beginnt nicht erst, wenn eine Verpackung im Meer landet: Die meisten Kunststoffe werden aus fossilen Rohstoffen hergestellt, und nach Berechnungen der OECD war ihr gesamter Lebenszyklus 2019 für rund 3,4 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich.


Plastik ist nicht grundsätzlich schlecht

Bei all diesen Problemen lohnt sich eine Unterscheidung: Kunststoff an sich ist nicht grundsätzlich schlecht, in Medizin, Elektronik oder Lebensmittelverpackungen ist er oft sehr nützlich. Für die Meere wird er vor allem dann zum Problem, wenn ein langlebiges Material nur wenige Minuten genutzt wird und danach verloren geht. Warum es deshalb nicht um „plastikfrei um jeden Preis“ geht, erklären wir ausführlicher im Beitrag Plastikmüll und seine Folgen.


Was du im Alltag gegen Plastik im Meer tun kannst

Du musst deinen Haushalt nicht über Nacht plastikfrei machen. Oft sind die einfachen Dinge sinnvoller als der nächste Neukauf einer angeblich perfekten Zero-Waste-Alternative. Trinkflasche, Einkaufstasche oder Mehrwegbehälter sparen vor allem dann Ressourcen, wenn du sie lange und regelmäßig verwendest. Bei manchen Produkten gibt es unkomplizierte Mehrweg- oder unverpackte Alternativen, und eine vorhandene Kunststoffdose wegzuwerfen, um sofort eine neue aus einem anderen Material zu kaufen, ist nicht automatisch nachhaltiger.

Unterwegs zählt jedes kleine Teil: Verpackungen, Folien, Zigarettenkippen oder Schnüre können über Wind, Regenwasser und Flüsse weit transportiert werden. Nimm deinen Müll deshalb immer mit bis zum passenden Mülleimer. Bei synthetischer Kleidung lösen sich beim Waschen Kunststofffasern. Wenn du Kleidung länger trägst, die Maschine voll machst und Textilien insgesamt länger nutzt, sparst du außerdem Energie und Ressourcen. Auch Reifenabrieb gehört zum Mikroplastikproblem: Weniger unnötige Autofahrten, vorausschauendes Fahren und der richtige Reifendruck verringern den Verschleiß.

Und wenn du Lust hast, mach bei einer Müllsammelaktion am Fluss, See oder Strand mit. Das löst das globale Plastikproblem nicht, verhindert aber vor Ort, dass vorhandener Müll weitertransportiert wird oder in kleinere Teile zerfällt.

Aufräumen hilft, vermeiden wirkt früher: Je größer ein Kunststoffteil noch ist, desto einfacher lässt es sich einsammeln. Ist es erst zu Mikroplastik zerfallen und über große Flächen verteilt, wird eine Entfernung wesentlich schwieriger.

Weitere Ideen für einen bewussteren Umgang mit Abfällen findest du auch in unserem Beitrag Welche Auswirkungen hat Müll auf unsere Umwelt?.


Warum Recycling allein nicht reicht

Natürlich ist es sinnvoll, Kunststoffabfälle richtig zu trennen. Nach OECD-Daten wurden 2019 aber weltweit nur etwa 9 Prozent des Kunststoffabfalls tatsächlich recycelt, und was gar nicht erst entsteht, kann auch nicht im Meer landen. Recycling bleibt wichtig, es sollte aber keine Ausrede sein, immer mehr kurzlebige Kunststoffprodukte zu verbrauchen.


Was Hersteller und Politik verändern müssen

Plastik im Meer ist kein Problem, das du allein mit Stoffbeutel und Trinkflasche lösen kannst. Für die Meere zählen vor allem funktionierende Abfall- und Sammelsysteme, weniger Verluste bei Produktion und Transport, Hersteller, die Verantwortung für ihre Produkte übernehmen, und internationale Regeln gegen Kunststoffverschmutzung. Persönliche Verantwortung und bessere Rahmenbedingungen gehören deshalb zusammen.


Plastik im Meer beginnt oft weit weg vom Meer

Am Strand fällt Plastik besonders auf. Eine Flasche zwischen Muscheln, eine Folie im Sand oder eine Angelschnur zwischen Steinen sieht man sofort.

Viele Kunststoffeinträge sind deutlich unsichtbarer: Reifenabrieb auf einer Straße, Fasern aus Textilien, Granulate aus der Industrie oder ein Verpackungsteil, das über einen Bach und einen Fluss irgendwann Richtung Meer transportiert wird.

Genau deshalb ist das Thema komplexer als die Frage, ob wir im Supermarkt eine Plastikverpackung kaufen.

Wir müssen Kunststoff nicht grundsätzlich aus unserem Leben verbannen. Sinnvoller ist ein bewussterer Umgang mit einem Material, das eigentlich viel zu langlebig ist, um nach wenigen Minuten als Abfall verloren zu gehen.

Weniger unnötiges Einweg, längere Nutzung, Mehrweg, funktionierende Abfallsysteme und weniger Kunststoffverluste helfen am meisten, bevor Plastik überhaupt im Meer landet.

Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis: Meere lassen sich nicht erst am Strand schützen. Viele Entscheidungen, die darüber bestimmen, wie viel Plastik dort ankommt, fallen weit vorher: bei uns zu Hause, unterwegs, in Unternehmen und in der Politik.


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