Wie im Hotel Falter aus Bestehendem etwas Neues entsteht

Gastbeitrag
Von Marinus Falter, Hotelier im Rock & Chill Hotel Falter, Drachselsried

Nachhaltigkeit im Bau und in der Gestaltung wird oft über neue Materialien, bessere Technologien und effizientere Prozesse gedacht. Alles wichtig – aber nicht immer der einzige Weg. Manchmal liegt die nachhaltigste Lösung bereits vor uns: im Bestand, in Dingen, die eigentlich ausgedient haben, in Materialien, die zu Restposten geworden sind.

Im Hotel Falter im Bayerischen Wald wurde genau dieser Gedanke zum Ausgangspunkt eines umfassenden Umbaus. Statt alles neu zu denken, wurde hier bewusst mit dem gearbeitet, was bereits da war – und daraus ein Interior-Konzept entwickelt, das Nachhaltigkeit nicht nur erfüllt, sondern sichtbar und erlebbar macht.


Nachhaltigkeit beginnt mit einem Perspektivwechsel

Der Umbau des Hotels folgte keiner klassischen „Abriss und Neuaufbau“-Logik. Vielmehr stand die Frage im Raum: Was können wir behalten – und wie können wir es neu interpretieren?

Gemeinsam mit dem Innenarchitekten Manuel Körner wurde der Bestand nicht als Einschränkung gesehen, sondern als Ressource. Alte Materialien wurden geprüft, neu gedacht und in einen neuen Kontext gebracht.

Das Ergebnis: kein glattes, perfektioniertes Design, sondern ein Raum, der Charakter hat – weil er seine Geschichte nicht versteckt, sondern weitererzählt.


Re-Use statt Entsorgung: Materialien im zweiten Leben

Ein zentrales Element des Umbaus ist die konsequente Wiederverwendung. Viele Bauteile wurden nicht ersetzt, sondern aufbereitet und integriert. Ergänzt wurde das durch gezielte Kooperationen mit Industriepartnern.

Ein besonders anschauliches Beispiel ist die Zusammenarbeit mit Tarkett:
Aus übrig gebliebenen Teppichmustern, die normalerweise entsorgt würden, entstand ein neuer Bodenbelag – individuell, ressourcenschonend und gleichzeitig gestalterisch prägend.

Doch es sind vor allem die vielen kleinen Details, die den Ansatz greifbar machen:

  • Alte Ziegel finden sich als gestalterisches Element an der Bar wieder
  • Grammophontrichter und Lautsprecher werden zu Leuchten
  • Snaredrums verwandeln sich in ungewöhnliche Lichtobjekte
  • Bassboxen bekommen ein zweites Leben als Spiegelrahmen
  • Ölfässer werden zu Möbeln und funktionalen Elementen

Was hier entsteht, ist mehr als Upcycling im dekorativen Sinne. Es ist ein systematischer Umgang mit Material, bei dem jedes Element bewusst eingesetzt wird.


Design aus dem Bauch heraus – und genau deshalb stimmig

Was dieses Projekt besonders macht: Es folgt keinem starren Konzept. Viele Entscheidungen sind intuitiv entstanden – aus dem Raum heraus, aus dem Material heraus, aus einem Gefühl für Atmosphäre.

Wir wollten kein perfektes, durchgeplantes Konzept. Uns ging es darum, ein Gefühl zu erzeugen – und Materialien zu nutzen, die bereits eine Geschichte haben.

Diese Haltung zeigt sich auch in der Lichtgestaltung. Statt alles gleichmäßig auszuleuchten,
wurde bewusst mit Kontrasten gearbeitet:

  • warme, zurückhaltende Lichtquellen
  • gezielte Akzente statt flächiger Helligkeit
  • Schattenzonen, die Tiefe und Ruhe schaffen

Gerade die Kombination aus wiederverwendeten Materialien und emotionaler Lichtführung sorgt dafür, dass die Räume nicht „gemacht“, sondern gewachsen wirken.


Nachhaltigkeit, die man nicht nur versteht, sondern spürt

Oft bleibt Nachhaltigkeit im Interior abstrakt – Zahlen, Zertifikate, Materialien. Im Hotel Falter wird sie greifbar. Gäste erleben sie unmittelbar, ohne dass sie erklärt werden muss.

Die Räume erzählen von Wiederverwendung, von Kreativität, von einem anderen Umgang mit Ressourcen. Und genau darin liegt eine wichtige Erkenntnis:

Nachhaltigkeit funktioniert dann besonders gut, wenn sie nicht nur richtig ist – sondern sich auch richtig anfühlt.


Was andere Projekte daraus lernen können

Natürlich lässt sich ein solches Konzept nicht eins zu eins übertragen. Zu individuell sind die Materialien, zu stark ist der Einfluss des Ortes. Und doch gibt es Prinzipien, die universell sind:

1. Bestand als Chance begreifen
Nicht alles neu denken – sondern vorhandene Materialien bewusst einbeziehen.

2. Materialkreisläufe aktiv nutzen
Kooperationen mit Herstellern oder Lieferanten können neue Wege eröffnen, Reststoffe sinnvoll einzusetzen.

3. Mut zur Unperfektion
Nicht alles muss glatt und standardisiert sein. Charakter entsteht oft gerade durch Brüche.

4. Atmosphäre vor Perfektion stellen
Gerade in Kombination mit Licht kann Material eine emotionale Wirkung entfalten, die kein Neubau ersetzt.

5. Prozesse offen denken
Viele gute Lösungen entstehen erst im Machen – nicht auf dem Papier.


Fazit: Ein anderes Verständnis von Wert

Der Umbau im Hotel Falter zeigt, dass nachhaltiges Bauen und Gestalten nicht zwangsläufig Verzicht bedeutet. Im Gegenteil: Durch die bewusste Nutzung vorhandener Materialien entsteht etwas, das mit neuen Produkten oft schwer zu erreichen ist – Individualität, Tiefe und echte Identität.

Vielleicht ist genau das der entscheidende Perspektivwechsel:
Nicht fragen, was neu geschaffen werden muss – sondern was bereits da ist und nur darauf wartet, neu gesehen zu werden.

Nachhaltig4future
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