Natur bewusst erleben

[Geschrieben von Sarah Ann Rosa]

Verbundenheit statt Nutzung

Die Natur ist unser höchstes Gut, doch auch wenn in der Zeit der Corona-Lock Downs zwangsläufig mehr Menschen zur Natur gefunden haben, so bedeutet das leider noch lange nicht, dass sie auch das nötige Bewusstsein für diese mitbrachten. Viele Parks, Seen und Wälder haben unter dem Andrang unreflektierter Nutzer sehr gelitten. Aber Nutzer – sind wir das nicht alle?

Natürlich nutzt man die Natur auf gewisse Weise immer, wenn man sich in ihr befindet, allerdings ist es möglich, dabei mit ihr im Einklang zu sein.

Statt sie zu benutzen, machen wir uns auf die wunderbare Reise, ihr das Du anzubieten.

Achtsamkeit – Natur bewusst wahrnehmen

Um wirklich mit der Natur in Kontakt zu kommen, sollte man einfach mal konsequent alles zuhause lassen, was einen davon abhalten könnte. Sportgeräte, Musikbox, ja sogar Bücher haben vorübergehend mal eine Auszeit, wollen wir uns tiefgehend mit der Natur vertraut machen. Auch Stille ist ein mächtiges Werkzeug, denn unsere Worte und Gedanken halten sich ständig gegenseitig auf Trapp – stellt man das Reden ein, kommen auch die Gedanken irgendwann zur Ruhe, und machen die Bühne frei, für eine unglaublich vielfältige Geräuschkulisse. Wie bei einem Sternenhimmel, der mit jeder Minute des Schauens immer mehr Sterne offenbart, nimmt man auch hier immer und immer wieder neue Eindrücke wahr.

Wer gerne fotografiert, der kann versuchen, sich der Natur durch die Linse zu nähren. Eine Kamera schult die Achtsamkeit ungemein, nur sollte man aufpassen, dass diese nicht auf dem perfekten Bild, sondern mehr auf dem Objekt liegt, dass man fotografiert. Gerade Makroaufnahmen können Tore in eine andere Welt, und Schlüsselmomente der Faszination sein.

Dieses Gefühl des “Natur Spürens” wird in Japan inzwischen sogar von Ärzten verschrieben, und nennt sich Waldbaden. Man geht in den Wald, und öffnet alle Sinne, macht sich verfügbar, und lässt die Eindrücke einströmen. Viele Faktoren tragen zur gesundheitsfördernden Wirkung des Waldbadens bei, angefangen bei dem einfachen Fakt, dass man sich bewegt, also Durchblutung und Verdauung fördert, über die Tatsache, dass der Anblick der Vegetation sich nachweislich beruhigend auf das vegetative Nervensystem auswirkt, bis hin zu den Terpenen in der Luft. Terpene sind winzige Kohlenwasserstoffe, die alles was man so kennt zum Duften bringen. Im Lavendel beispielsweise ist Linalool, in den Nadelbäumen Pinen, in vielen Kräutern Caren und in vielen Früchten Limonen, um nur eine winzige Auswahl der über 8.000 Terpen, und 30.000 eng verwandten Terpenoide zu nennen. Die gute Nachricht ist: Sie duften nicht nur, sie wirken auch! Die meisten Terpene wirken entzündungshemmend, manche anregend, andere beruhigend, und so gibt es eine ganze Palette an subtilen, doch insgesamt offenbar sehr wohltuenden Wirkungen. Wer bei einer Erkältung schonmal inhaliert hat, der hat die Kraft der Terpene genutzt, und wer gestresst ist, der sollte eben Wald atmen.

Doch zurück zur Achtsamkeit. Wer achtsam ist, nimmt Dinge wahr, die den meisten anderen Menschen entgehen, Rehe zum Beispiel. Gerade in Gebieten mit viel Freizeitverkehr sind die Tiere bei weitem nicht so scheu wie man vermuten sollte. Oft stehen sie in der Dämmerung nur ein paar Meter entfernt im Unterholz, und verlassen sich auf ihre Tarnung. Mit Füchsen, Hasen und Kleintieren verhält es sich ähnlich – sie sind immer da, ihr müsst nur lauschen. Ist man achtsam, beginnt man früher oder später unweigerlich eine unbändige Neugier zu entwickeln; ein tolles Tool für angehende Pfadfinder!

Neugier – Natur bewusst kennenlernen

Hat einen die Neugier einmal gepackt, weiß man kaum, wo man anfangen soll, sich zu bilden. Das geht zum Beispiel über Dokus; ** das Wood Wide Web, Ameisen befallende Zombiepilze, verrückte Großstadtwaschbären, wunderschöne Vögel sind auf YouTube genauso zu finden, wie in der Arte-Mediathek oder großen Online-Warenhäusern, falls man dort eine Mitgliedschaft hat. **

Eine weitere wertvolle Quelle sind die Seiten der NABU **. Möchte man draußen, im eigenen Garten, oder später beim Betrachten von Fotos Tiere oder Pflanzen bestimmen, ist nabu.de die erste Wahl. Auch über Aktionen und Projekte, wie zum Beispiel Wildtierauffangstationen wird dort informiert, und es gibt sogar ein NABU-Naturtelefon, falls man die Antwort auf seine Fragen auf den Seiten nicht gefunden hat. **

Wenn’s nicht ganz so viel Tiefgang sein soll, gibt es inzwischen auch recht gut funktionierende Apps, die die Bestimmung von Pflanzen und Vögeln erleichtern.

Eine weitere Möglichkeit sich sinnstiftend mit der Natur auseinanderzusetzen ist das Sammeln von Wildkräutern und Pilzen – nachhaltig natürlich! So nimmt man von Wildkräutern für Küche oder Hausapotheke immer nur ein Blatt je Pflanze, damit diese weiterlebt. Es gibt genug Bewohner des Waldes, die ebenfalls auf diese Pflanzen angewiesen sind, und in diesem Bewusstsein, nutzt man seine Ressourcen schonend. Neben Pflanzen- und Heilkunde lernt man also etwas tiefgreifendes – Dankbarkeit. Auch das Sammeln von Pilzen schult Aufmerksamkeit und Bewusstsein. Ersteres, weil man den Eintopf gern überlebt hätte, Letzteres setzt man sich mit dem Thema auseinander, lernt, wie man sie nachhaltig nutzt. Auch hier lernt man, wie viele andere Lebewesen auf die Pilze als Nahrung angewiesen sind, dass man nur sammelt, was man kennt, damit nicht später daheim im Müll landet, was dem Reh geschmeckt hätte, und, dass man versehentlich geschnittene Pilze, die man nicht mitnimmt, so herum auf dem Boden zurücklässt, dass die Sporen ihren Weg nach draußen finden. Sich immer wieder zu fragen, ”WARUM?”, macht auf Dauer einen sehr reflektierten Menschen aus jedem. Ganz nach dem Motto: If you once saw it, you cant unsee it. Es ist wirklich schwer der Natur zu schaden, wenn man versteht, wie sie funktioniert.

Achtsamkeit und Neugier erzeugen eine tiefe Verbundenheit, die man der Natur gegenüber empfindet, und dies entfacht in den meisten Menschen den Wunsch, sie zu schützen. Schützen muss nicht unbedingt etwas Progressives sein, es kann auch bedeuten, der Natur während seines Aufenthalts, befähigt durch das neu gewonnene Verständnis, nicht zu schaden. So ist jeder Naturliebhaber im Kleinen auch Aktivist, und jeder, der sich darüber mit Freunden und Bekannten austauscht sowieso.

Aktivismus – Natur bewusst schützen

Wie bereits erwähnt, muss man nicht bei Fridays for Future ** aktiv sein, um die Natur aktiv zu schützen. Es gibt inzwischen unzählige sehr diverse Events, zum Teil privat, zum Teil von Initiativen und Vereinen organisiert, die einen guten Beitrag leisten. So gibt es regelmäßige Müllsammel-Challenges, bei denen es Snacks und Livemusik gibt, aber auch einen Kanuverleih, der in Berlin regelmäßig seine Kanus kostenlos für zweistündige Touren an Freiwillige verleiht, wenn sie in der Zeit Müll aus der Spree fischen. Um diesen erst gar nicht zu verursachen, kann man seinen eigenen Müll ja einfach ganz aktiv wieder mitnehmen, wenn man in der Natur ist; und die Hinterlassenschaften anderer, wenn sie einem schon auffallen, ebenfalls.

Eine etwas andere Art des Aktivismus betreiben einige Landwirte. Dass die Landwirtschaft ein recht großes, aber offensichtlich noch nötiges Übel ist, ist auch einigen von ihnen bewusst. Und so gibt es tatsächlich Landwirte, die sich entschieden haben, einen Teil ihrer Felder später zu mähen, um einen kleinen, bedrohten Vogel zu schützen – das Braunkehlchen. Es ist ein Bodenbrüter, und würde seine Brut normalerweise in Feuchtwiesen aufziehen, die allerdings größtenteils landwirtschaftlichen Nutzflächen gewichen sind. Die Mahd des Getreides findet in den Betrieben, die hocheffektive Zeitpläne haben, weil sie im Wettbewerb sonst benachteiligt wären, zu einer Zeit statt, in der die Braunkehlchen noch zwei Wochen benötigten, um flügge zu werden. Manche Landwirte benachteiligen sich also freiwillig selbst, um diese kleinen Kumpels von der roten Liste zu holen. Die Lösung für dieses und andere Dilemma wäre, Betriebe für Naturschutz staatlich zu entlohnen, denn Naturschutz muss man sich leider leisten können.

Ein weiterer bedrohter Vogel ist die Feldlerche. Auch sie ist ein Bodenbrüter, und auch sie hat eine Rettungsgeschichte im Gepäck. Diesmal hat man in der Stadtplanung umgedacht, und nicht nur die Feldlärche, sondern gleichzeitig einen ebenfalls zu den bedrohten Arten gehörenden Kulturraum gerettet. Die Rede ist vom Tempelhofer Feld in Berlin, welches nach militärischen und sportlichen Nutzungen zuletzt zu einem Flughafen gehörte. Als dieser geschlossen wurde, mutierte es zur Freizeitfläche für unzählige Berliner, die hier Skaten, Kiten, Tanzen, Trinken, Gärtnern, Picknicken, Musik und andere Kunst machen oder einfach nur entspannen. Und da die Berliner so entspannt sind, sind es auch Flora und Fauna. Nach verschiedenen Nutzungs- und Bebauungsplänen, gegen die sich die Berliner erfolgreich gewehrt haben, entwickelt nun die Initiative “Transformation Haus und Feld” ** Konzepte für eine nachhaltige Nutzung des Airport -Gebäudes und des Tempelhofer Feldes, beispielsweise in Form von nachbarschaftlichen Begegnungsstätten, Werkstätten und Reallaboren zur Vermittlung von Kunst, Kultur sowie neuen Berufsfeldern und Wirtschaftsweisen. Dabei soll nach eigenen Angaben ein besonderes Augenmerk auf dem Erhalt und der Förderung von urbanen Gemeingütern und Commoning liegen.

Beim Stichwort nachhaltige Nutzung kann jeder, der das Glück hat einen Garten zu besitzen die Ohren spitzen. Im Garten gibt es so viele Möglichkeiten Dinge gut und besser zu machen, dass es diesen Artikel sprengen würde, und deshalb bekommt das Thema irgendwann einen eigenen Raum. Bis dahin gibt es aber ein gut googelbares Schlagwort, unter dem man tolle Dokumentationen, Workshops, Gleichgesinnte in jeder Stadt und eine Sintflut an Tipps findet. Es ist eher eine Haltung dem Leben und der Natur gegenüber als ein Konzept – die Permakultur.

Und zu guter Letzt – auch wenn man nicht bei Fridays for Future **, im Hambacher Forst oder Anti-Castor Aktionen dabei sein muss, um eine Naturschützer zu sein, ist es doch eine tolle Sache. Alleine der Austausch mit Gleichgesinnten über diese wichtigen Themen ist bereichernd, sinnstiftend, ermutigend und wichtig. Nicht zuletzt ist es die Öffentlichkeitsarbeit dieser und vieler anderer unermüdlicher Menschen, die die Probleme erst sichtbar macht, und allen anderen somit die Möglichkeit gibt, wenigstens im Kleinen etwas zu beizutragen. Sie schaffen Bewusstsein, auch in der Politik, und sie kämpfen für unser aller Zukunft.

Wer also Kapazitäten hat, die über den persönlichen täglichen Kampf hinausgehen – dort sind sie gut investiert.


Sarah Ann Rosa
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Von Sarah Ann Rosa

Sarah ist freie Journalistin, Kapitänin und Künstlerin in Berlin. Nachdem sie 13 Jahre lang mit Hausbesetzungen und Krawall um eine andere Welt kämpfte, hat sie ihre Naturverbundenheit und Hochsensibilität entdeckt. Heute schreibt sie Gedichte und malt, schreibt gegen Rassismus, Ausgrenzung von Marginalitäten und unwissenschaftliche Theorien an, und klärt über Persönlichkeitsentwicklung und psychische Erkrankungen auf. Empathie, Verbundenheit und Natur sind zentrale Themen sowohl ihrer Kunst als auch ihrer Artikel und ihres Lebens.

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